20.06.2014 |  Sven Richter
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Sven Richter, Renaissance Asset Management


Der vier Regionen-Kontinent



Der historische Uhrenturm im Hafenviertel von Kapstadt ist ein beliebter Treffpunkt, von dem aus Besucher an der Victoria and Alfred Waterfront entlang schlendern oder in einem der zahlreichen Restaurants und Bars etwas zu essen oder zu trinken zu sich nehmen können. Die Entfernung zu Restaurant und Bar des Frankfurter Main Tower beträgt von dort aus 14.226 km.

Google zufolge würde man für diese Strecke mit dem Auto 194 Stunden benötigen. Die Route würde den afrikanischen Kontinent durchqueren, welcher 20 Prozent der Landmasse der Erde ausmacht, rund 30 Millionen Quadratkilometer. Dass es möglich ist, haben Charley Bormann und Ewan McGregor gezeigt, wenn auch von Schottland und nicht von Deutschland aus. Sie haben hierfür BMW-Motorräder benutzt. Allerdings ist die von Google angegebene Reisedauer etwas optimistisch: Mit Grenzübertritten und angesichts des Zustands der Straßen in manchen Gebieten dürfte man eher zwei bis drei Monate benötigen. Darin enthalten sind einige Zwischenstopps, führte einen die Reise doch durch einige der schönsten Landschaften sowie einige der Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum weltweit.

Als Kontinent wird Afrika das stärkste Wirtschaftswachstum aller Regionen verzeichnen. Von den Top-Ten der wachstumsstärksten Länder des nächsten Jahrzehnts liegen sieben in Afrika. Doch angesichts einer derart großen Landmasse sind die 54 Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union eine sehr unterschiedliche Gruppe von Ländern. Das starke Wachstum weckt viel Interesse bei Investoren, die für ihre Reisen zwischen diversen Zielorten freilich das Fliegen dem romantischeren Erlebnis des Fahrens vorziehen. Als Investor tätige ich seit zwei Jahrzehnten Anlagen in afrikanische Unternehmen. Diese suche ich mir an den 29 auf dem Kontinent verteilten Wertpapierbörsen aus, an denen mehr als 650 Unternehmen notiert sind. Für Investoren wie mich lässt sich der Kontinent grob in vier Regionen einteilen: südliches Afrika, Ost- und Westafrika sowie nördliches Afrika.

Das nördliche Afrika unterscheidet sich recht deutlich vom Rest des Kontinents, ist es doch durch die Sahara von den anderen Regionen getrennt, was zu einer andersartigen Bevölkerungsstruktur geführt hat. Zudem liegen die meisten Länder des nördlichen Afrikas am Mittelmeer. Südlich der Sahara befinden sich die größten Aktienmärkte in Kenia (Ostafrika), Nigeria (Westafrika) und Südafrika (südliches Afrika).

Im nördlichen Afrika ist Ägypten die größte Volkswirtschaft, Tunesien und Marokko sind die anderen beiden Länder, die über Aktienmärkte verfügen. Das in Ägypten vorhandene Potenzial wird überschattet durch die Unsicherheit in Zusammenhang mit dem Versuch des Landes, sein politisches Umfeld neu zu gestalten. Typische Investitionen in dieser Region umfassen ein breites Spektrum von Branchen wie Pharmaunternehmen, Teppichhersteller, Banken, Telekommunikationsunternehmen und andere.

Im Osten Afrikas ist Kenia das wirtschaftliche Zentrum, Anleger hier kaufen Aktien von Unternehmen, die in der gesamten Region investieren, und auch von Unternehmen, die auf den Märkten von Uganda, Ruanda, Tansania und auf der Insel Mauritius tätig sind. Die Region ist ein Innovationszentrum: Kenia ist weltweit führend bei Anwendungen für mobile Geldgeschäfte wie M Pesa, und Unternehmen wie IBM betreiben hier Forschungseinrichtungen. In Mauritius ist eine Offshore-Finanzdienstleistungsbranche entstanden, welche die traditionellen Branchen Textil- und Zuckerproduktion und natürlich die dort angesiedelten Luxushotels ergänzt. Es gibt sogar Direktflüge zwischen Mauritius und Frankreich, um Touristen in dieses englisch- und französischsprachige Land zu bringen. Ostafrika zählt ebenfalls zu den offeneren Regionen in Bezug auf interregionale Handels- und Investitionsaktivitäten. Zu den typischen Anlagen in dieser Region zählen Banken, Telekommunikationsunternehmen, Zementhersteller, Brauereien und Hotels.

Im Westen dominiert Nigeria die Region. Mit 180 Millionen Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Interregionaler Handel ist hier weniger stark entwickelt und es gibt Unterschiede zwischen englischsprachigen Ländern wie Nigeria und Ghana und der Elfenbeinküste, wo die West African Regional Exchange ihren Standort hat – die Börse, die frankophone Länder wie Benin, Mali, Senegal und Togo abdeckt. Typische Investitionen in dieser Region sind Banken, Ölgesellschaften, Zementhersteller, Zuckerproduzenten, Konsumgüterunternehmen, Palmölerzeuger und Brauereien.

Der Süden des Kontinents wird von Südafrika beherrscht. Dieses Land unterscheidet sich deutlich vom Rest des Kontinents, ist es doch eine Mischung aus Erster Welt und Schwellenland. Es verfügt über eine breit diversifizierte Wirtschaft; die typischen Anlagen sind in den Bereichen Bergbau, Finanzdienstleistungen, Industrieunternehmen, Dienstleistungs- und Telekommunikationsunternehmen zu finden. Die Geschichte des südafrikanischen Aktienmarkts reicht zurück bis ins Jahr 1887. Zahlreiche der in Südafrika notierten Unternehmen verfügen über umfangreiche Geschäftsaktivitäten außerhalb des Landes – entweder in Sub-Sahara-Afrika oder in aller Welt – und große südafrikanische Unternehmen wie Anglo American und SABMiller gehören zu den fünf weltweit größten Unternehmen ihrer jeweiligen Branche. Die restlichen Länder des südlichen Afrikas wie Sambia, Namibia und Simbabwe haben deutlich kleinere Volkswirtschaften als ihr riesiges Nachbarland. Zu den typischen Anlagen in diesen Ländern zählen Banken, Brauereien, Agrar- sowie Telekommunikationsunternehmen.

Als Investitionsstandort ist der Kontinent attraktiv und die Diversität seiner Regionen und Länder bietet eine Vielzahl für unterschiedliche Investoren geeigneter, interessanter Anlagegelegenheiten. Unser in Johannesburg ansässiges Team sucht auf dem gesamten Kontinent nach Investitionsmöglichkeiten. Potenzielle Anleger sollten eine Bestandsaufnahme ihrer Anlagebedürfnisse durchführen, wenn sie die zur Verfügung stehenden Arten von Fonds in Erwägung ziehen. In Sub-Sahara-Afrika herrschen geringe Liquidität und hohe Transaktionskosten. Fonds, die auf diese Teilregion abzielen, investieren in einige der wachstumsstärksten Volkswirtschaften, sollten jedoch als Teil einer Buy-and-Hold-Strategie für Kapitalzuwächse betrachtet werden. Anleger, die ihr Kapital eher früher als später benötigen, sollten eine Pan-Afrika- oder eine Südafrika-Strategie in Erwägung ziehen, da dort eine höhere Liquidität herrscht. Angesichts der geringen Liquidität könnten einige der besten Renditen bei Fonds mit beschränkter Liquidität zu finden sein, die sich auf börsennotierte Aktien konzentrieren, bei denen Anleger einer Veräußerungssperre oder einer Kündigungsfrist von etwa einem Monat unterliegen. Diese Fonds hätten typischerweise keine OGAW-Struktur und sind daher attraktive Anlagevehikel, die jedoch nicht für alle europäischen Anleger geeignet sind. Es gibt auch eine Reihe von Länder-Optionen, die jedoch aufgrund ihrer Ausrichtung auf ein einzelnes Land volatiler Natur sind.

Hat der Anleger jedoch seine Hausaufgaben gemacht und wählt die richtige Option aus, könnte er für das Eingehen des höheren Risikos reich belohnt werden. Ein Beispiel hierfür wäre ein nigerianischer Aktienfonds. Das Land ist das bevölkerungsreichste Afrikas, verfügt über große Ölvorkommen, wächst rasant und versucht Hemmnisse wie unzureichende Stromversorgung zu beseitigen, um rascheres Wachstum zu ermöglichen. Seine Institutionen sind jedoch in der Entwicklung begriffen und können für Volatilität auf dem Aktienmarkt sorgen. Für die meisten Privatanleger, die sich in Afrika engagieren möchten, ist ein Pan-Afrika-Fonds die beste Option. Für diejenigen, die über einen längeren Zeithorizont verfügen und intensiver recherchiert haben, ist eine Sub-Sahara-Strategie mit täglicher Liquidität oder ein Fonds mit teilweiser Sperrfrist eine Option; für erfahrene Anleger stellt ein Länderfonds eine interessante Möglichkeit dar.

Ein Beispiel für ein typisches Unternehmen in der Region ist Safaricom in Kenia. Dieses kenianische Unternehmen, an dem die britische Vodaphone beteiligt ist, beherrscht den Mobilfunkmarkt in Kenia. Zudem unterhält Safaricom ein umfangreiches Zahlungsverkehrsgeschäft, das als Anbieter mobiler Zahlungstransaktionen begann und inzwischen über 17 Millionen Kunden hat. Das Unternehmen dehnt sein Geschäft derzeit auf Zahlungen in Einzelhandelsgeschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln aus. In Nigeria sind Dangote Cement und Dangote Sugar typische Beispiele. Hauptaktionär beider Unternehmen ist Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas. Beide Unternehmen verzeichnen starkes Wachstum. Die Zementsparte eröffnet überall in Afrika Produktionsanlagen – sie ist in Nigeria und 14 weiteren afrikanischen Ländern vertreten – und beabsichtigt, in einigen Jahren eine Zweitnotierung an der London Stock Exchange zu beantragen. Dangote Cement stellt derzeit jährlich rund 20 Millionen Tonnen Zement her und plant, seine Produktion in den nächsten Jahren auf über 30 Millionen Tonnen pro Jahr zu steigern. Dangote Sugar ist das beherrschende Unternehmen in der Zuckerindustrie in Nigeria und baut derzeit große neue Produktionsstätten. Zudem errichtet es Zuckerrohrplantagen rund um diese Produktionsstätten, um die Abhängigkeit Nigerias von importiertem Rohzucker zu durchbrechen. Diese und zahlreiche andere Unternehmen verzeichnen beeindruckendes Wachstum, attraktive Bewertungen und stattliche Dividendenrenditen. Viele Anleger erkennen, dass sie einige der sich in Afrika bietenden Gelegenheiten in ihren Portfolios benötigen, um deren Wachstum zu diversifizieren und eine niedrige Korrelation zu anderen Märkten der Welt zu erreichen.


Sven Richter ist Fondsmanager bei Renaissance Asset Management.
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